Logo des Deutschen  Blinden- und Sehbehinderten Verbandes - kleiner Mann mit Stock
Überschrift: Sehhilfe Bibliothek
Überschrift: Sehhilfe Bibliothek
Logo der Bibliothek Genthin - ein aufgeschlagenes Buch
Regenbogen

Klartext-

eine neue Broschüre des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes

Anlässlich des diesjährigen Sehbehindertentages am 6. Juni hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. eine neue Publikation herausgegeben.

Aus dem Inhalt:

Wer ist sehbehindert?

Viele Menschen tragen eine Brille oder Kontaktlinsen. Sie alle haben Sehprobleme, sind aber   nicht unbedingt sehbehindert. In Deutschland gilt als sehbehindert, wer auf dem besseren Auge weniger als 0,3 sieht. Das heißt, ein Sehzeichen, das normalerweise auf eine Entfernung von einem Meter erkannt wird, sieht diese Person erst im Abstand von 30 Zentimetern.

Neben dem Fernvisus, der dieser Definition zugrunde liegt, finden auch Sehstörungen wie Gesichtsfeldausfälle, Nacht- oder Farbenblindheit Berücksichtigung. Personen, die einen vergleichbaren Visus haben, können dennoch ein recht unterschiedliches Sehvermögen besitzen. Äußere Bedingungen, wie Beleuchtung oder kontrastreiche Umgebung, spielen für das Sehen ebenso eine Rolle wie der Fakt, ob man von Geburt an sehbehindert ist oder ob die Sehstörung erst kürzlich eintrat.

Die Zahl der Sehbehinderten wird in Deutschland derzeit mit 500.000 angegeben, und man unterscheidet folgende Gruppen:

Mäßige Sehbeeinträchtigung - unter 100 und über 30 Prozent des normalen Sehens (>0,3);

Sehbehinderung - weniger als 30 Prozent und mehr als 5 Prozent (0,3 - 0,05);

Hochgradige Sehbehinderung - weniger als 5 und mehr als 2 Prozent (0,05 - 0,02).

Wer weniger als 2 Prozent Sehvermögen hat, gilt als blind.

Es zählt immer der Visus bei Korrektur - gemessene Werte mit Brille oder Kontaktlinsen.

Jede Sehbehinderung ist anders

Schlechtes Sehen wird als Behinderung empfunden, wenn Kommunikation, Mobilität und Orientierung im Alltag eingeschränkt werden.

Je barrierefreier das öffentliche Leben funktioniert, umso geringer ist das Empfinden einer Behinderung.  

Sehbehinderung ist für Außenstehende verwirrend, da jeder Sehbehinderte anders sieht.   Oft ist das Sehvermögen einer Person über Tages- und Jahreszeiten unterschiedlich.

Die gemessene Sehschärfe ist das eine; entscheidend ist die Fähigkeit des Einzelnen, das verbliebene Sehvermögen optimal zu nutzen und mangelhafte Seheindrücke durch Erfahrung zu kompensieren. So wird beispielsweise ein Nachbar vielleicht an der Kleidung oder am Gang, nicht aber am Gesicht erkannt.

Was aber, wenn sich dieser neu eingekleidet hat oder wenn grelles Sonnenlicht blendet?

Unter zu kleiner Schrift und zu hoch angebrachten Aushängen leiden auch Menschen, die laut Definition nur geringfügige Sehbeeinträchtigungen haben.

Drei von vielen Ursachen

Retinopathia diabetica

Die diabetische Retinopathie tritt in Folge eines Diabetes auf. Neben Netzhaut (Retina) und dem

Zentrum des scharfen Sehens (Makula) können auch andere Teile des Auges betroffen sein. Symptome: Partielle Gesichtsfeldausfälle und getrübtes Sehen; führt häufig zur Erblindung.

Glaukom (Grüner Star)

Der Sehnerv wird durch einen erhöhten Augeninnendruck geschädigt. Dies hat progressiv verlaufende Einschränkungen und Ausfälle des Gesichtsfeldes zur Folge und führt letztendlich zur Erblindung.

Bei Früherkennung kann ein Glaukom erfolgreich behandelt werden.

Altersbedingte Makuladegeneration

Die Makula befindet sich im Zentralbereich der Netzhaut und ist das Zentrum des scharfen Sehens. Bei Erkrankungen der Makula kommt es meist zu starkem Verlust der Sehschärfe und zu Ausfällen im zentralen Gesichtsfeld, das heißt der anvisierte Punkt wird nicht gesehen.

"Alles lesen können!" - das wäre schön

Stellen Sie sich vor, Sie müssten im Alltag auf schriftliche Informationen verzichten:

Sie verpassen Ihren Bus, weil der Fahrplan zu klein geschrieben ist.

Sie bekommen kein Wohngeld, weil Sie das Antragsformular nicht ausfüllen können; winzige Buchstaben und verwirrende Spalten.

Sie holen sich einen Schnupfen, weil der Wetterbericht in Ihrer Zeitung zu klein gedruckt ist.

Sie geben über Internet eine falsche Bestellung auf, weil die Web-Seite zwar schön bunt und bewegt ist, aber gerade deshalb vor Ihren Augen ständig flimmert.

Sie bekommen das Geburtstagsgeschenk nicht mehr, weil der Laden geschlossen ist; die Öffnungszeiten standen ganz oben.

Sie müssen im Restaurant etwas essen, was Sie schon als Kind gehasst haben, weil Sie die verschnörkelten Hieroglyphen der Speisekarte falsch interpretiert haben.

Es gibt Krach mit Ihrer Freundin, weil Sie sie in ihrer neuen Wohnung versetzt haben - Sie konnten das richtige Klingelschild nichtfinden.

Warum?

Warum wollen so viele Einrichtungen und Dienstleister nicht, dass ihre schriftlich verfassten Mitteilungen und Botschaften von allen Menschen aufgenommen werden können?

Warum errichten sie die Barrieren "zu klein", "zu unübersichtlich", "zu kontrastarm", "zu hoch angebracht", "..."?

Warum denken sie nicht daran, dass es Millionen Menschen gibt, die nicht gleich alles auf den ersten Blick erkennen?

Gut gestaltete Informationen kommen immer allen zugute. Schlecht gestaltete bereiten allen Schwierigkeiten.

Menschen mit Sehproblemen können vieles oft gar nicht wahrnehmen. Sie werden ihres Rechtes auf Information beraubt!

Wie lesen Sehbehinderte?

In den meisten Fällen brauchen sie Sehhilfen, um die Informationen möglichst dicht an das Auge zu holen. Schwierigkeiten bleiben:

Die Information, die gelesen werden soll, muss erst einmal gefunden werden.

Man kommt nicht nahe genug an ein Schild, eine Aufschrift usw. heran.

Oft kann man nicht ohne Hast mit seinen Hilfsmitteln umgehen, da meist schnell etwas gelesen werden muss; außerdem ist da noch die Scheu, durch die Nutzung einer Lupe oder eines Monokulars seine Behinderung zu "zeigen".

Hilfe!

Auch wenn diese drei Schwierigkeiten gemeistert sind, kommt es nicht selten vor, dass andere Personen um Hilfe gebeten werden müssen.

Jede schriftliche Mitteilung sollte sich an Leitlinien zur Gestaltung allgemein zugänglicher Informationen halten.

Dabei ist vor allem der Zweck der jeweiligen Botschaft zu bedenken, für welche Zielgruppe die Informationen bestimmt sind und in welchen Situationen sie aufgenommen werden sollen oder müssen.

Minimalanforderungen

Schrift

Eine Schriftgröße, die für alle sehbehinderten Personen richtig ist, gibt es nicht. Unverzichtbar ist jedoch eine Schriftgröße von mindestens 12 Punkt (Grundschrift dieser Broschüre).

Serifenlose Groteskschriften wie Arial und Verdana lassen sich besser lesen als verschnörkelte Antiquaschriften wie Times.

Außerdem sind gerade Buchstaben in jedem Fall leichter zu erkennen als kursive. Auch ist zu beachten, dass Wörter, die ausschließlich mit GROSSBUCHSTABEN geschrieben sind, die Lesbarkeit stark beeinträchtigen. Zudem sollten alle Zeichen ausreichend fett gedruckt sein.

Gestaltung

Ein optimaler Kontrast entsteht, wenn sich Text und Hintergrund durch Helligkeit und Farbe deutlich voneinander unterscheiden.

Bei schwarzer Schrift auf weißem bzw. weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund ist der Schriftkontrast optimal. Schriftstärke und -farbe sollten die Wichtigkeit der Informationen zum Ausdruck bringen. Farbige Hintergrundgrafiken und bunte Texte sind zu vermeiden. Es ist empfehlenswert, nicht unbedingt erforderliche Details wegzulassen (in der Kürze liegt die Würze). Die Papierstärke muss garantieren, dass der Text der Rückseite nicht durchscheint. Zusätzliche Beeinträchtigungen entstehen durch die Verwendung von Recyclingpapier mit hohem Grau-Anteil sowie durch Spiegelungseffekte auf Glanzpapier.

Nicht so, sondern so...

Gedrucktes

Jeder gedruckte Text sollte die vorangestellten Kriterien so weit als möglich berücksichtigen.

Ist das aus bestimmten Gründen nicht möglich (z.B. zu wenig Platz), sollte die Information in anderen Formaten (gesprochener Text, Braille-Schrift, Internet) zugänglich gemacht werden und ein Hinweis darauf vorhanden sein.

Für schwache Augen meist nicht lesbar sind Medikamenten-Beipackzettel. Da auch viele Senioren Medikamente benötigen und sich oft mit der kleinen Schrift quälen, sollte über den wirklich notwendigen Umfang der Information nachgedacht werden.

Formulartes

Bei gut gestalteten Formularen erkennt man auf den ersten Blick, wo etwas hingeschrieben werden soll. Die Felder zum Ausfüllen sind durch kräftige durchgezogene Linien oder eine deutliche Umrahmung klar hervorzuheben.

Es ist zweckmäßig, nur eine Frage pro Zeile zu stellen. Ebenfalls sehr wichtig ist ausreichender Platz zur Beantwortung der Fragen.

Geplantes

Fahrpläne werden für jedermann übersichtlich durch:

angemessene Schriftgröße,

guten Kontrast,

Anbringung in Augenhöhe und so, dass direkter Zugang möglich ist,

gute Beleuchtung (von oben oder hinten),

Anbringung direkt und glatt hinter der Glasscheibe.

Ge-Web-tes

Barrierefreiheit und Attraktivität von Internet-Seiten widersprechen sich nicht. Kriterien für barrierefreies Web-Design sind in der "Barrierefreie Informationstechnik-Verordnung" (BIT-V) zusammengefasst.

Informationen zu diesem Thema sind zu finden unter www.bik-online.info.

Verstecktes

Hinweisschilder müssen so angebracht sein, dass sie ohne langes Suchen gefunden werden und nicht im Dickicht von Sichtwerbung oder "Informationsmüll" verschwinden.

Auch sehbehinderte Menschen haben ein Recht darauf, z.B. Preisschilder und Verfallsdaten von Lebensmitteln nicht nach dem Zufallsprinzip zu entdecken.

Verglastes

Glas kann zum Feind des Sehbehinderten werden, wenn Informationen dahinter versteckt sind, es als kontrastlose Fläche für Beschriftungen dient, Glasflächen nicht markiert sind, sodass sie zu Gefahrenstellen werden.

Verschnörkeltes

Manchmal werden alte Schriften oder Handschriften simuliert, um eine "eigene Note" zu unterstreichen (z.B. in Restaurants oder Ausstellungen).

Gedämpfte Beleuchtung soll den Eindruck von Wärme und Behaglichkeit noch verstärken.

Aber auch hier gilt:

Soll die Information beim Gast oder Besucher "ankommen", muss sie auch für alle Menschen lesbar sein.

Beschildertes

Ohne Straßenschilder fiele die Orientierung in großen Städten allen sehr schwer. Aber kann man die Schilder auch lesen? Sind sie mitunter versteckt?

Schilder sollen wichtige Hinweise geben.

Nur wenn sie "ins Auge fallen", kommt ihre Botschaft auch an. Große und klare Schrift, hoher Farbkontrast und geeignete Anbringung entscheiden darüber, ob sie ihren Zweck erfüllen.

Bewegtes

Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, Informationen aufzunehmen, die in Bewegung sind, zum Beispiel Liniennummern von Bahnen und Bussen, blinkende und flimmernde Schriften. Der sehbehinderte Mensch muss zunächst die Information finden und sie dann auch noch mit den Augen "festhalten".

Bei Einsatz vergrößernder Sehhilfen ist das besonders schwierig. Möglichst große und kontrastreiche Schrift hilft deshalb sehr.

Erhöhtes

Auf zahlreichen Ämtern wird der wartende Bürger durch das Anzeigen seiner Wartenummer in Leuchtschrift aufgefordert, in einen bestimmten Raum zu kommen. Zwar sind die Ziffern recht groß, doch der Info-Kasten hängt ganz oben in der Ecke. In Augenhöhe könnte auch ein stark sehbehinderter Mensch die Ziffern lesen.

Redaktionsteam:

Dr. Thomas Nicolai, Susanne Siems